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Dr. Uwe Sauermann
Dr. Uwe Sauermann

Interview zum Innovationsforum „netzwerk WACHSE“ vom 16. – 17. Juni in Halle mit dem Projektleiter Dr. Uwe Sauermann vom Veranstalter Steinbeis-Transferzentrum R.T.M.

(Das Interview führte Mathias Ulrich, PR_Petuum Berlin.)

M.U.: Dr. Sauermann, was unterscheidet Ihr Innovationsforum von anderen ähnlichen Veranstaltungen zu neuen Technologien, Produkten und Verfahren ?

U.S.: Unser Innovationsforum fand statt im Rahmen der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Initiative „Unternehmen Region“. Dieses Förderprogramm für die neuen Bundesländer unterstützt die Bildung von innovationsorientierten regionalen Bündnissen zwischen Unternehmen und Forschungseinrichtungen mit ganz konkreter Marktausrichtung von bereits vorhandenen Kompetenzen. Die Innovationsforen selbst sind zweitägige Fachveranstaltungen, die der Bildung regionaler Netzwerke in der Startphase dienen. Der große Vorteil für die Organisatoren und Teilnehmer besteht darin, daß das BMBF die Kosten für die Vorbereitung und Durchführung des Forums für Personal, Mieten, Werbung sowie weitere Sachkosten fördert. Das Förderprogramm gibt es seit 1999. Wir selbst waren wohl Innovationsforum Nr.104. Meines Wissens gilt dieses Förderprogramm aus Sicht des Fördermittelgebers als eines der effektivsten, da über 90 der so gestarteten Netzwerke noch aktiv sind. Wir sind jedenfalls froh, daß wir diese Starthilfe für den Aufbau unseres Netzwerkes zur Verfügung hatten, ohnedem wären wir in dem halben Jahr längst nicht so weit gekommen.

M.U.: Worum genau ging es in Ihrem Forum?

U.S.: Der Titel „netzwerk WACHSE“ offenbart nur einen Teil unseres Anliegens. Natürlich geht es uns um die Herstellung von Wachsen und Paraffinen, in dem besonderen Fall aber eben nicht in der herkömmlichen Weise aus Erdöl, Erdgas oder Braunkohle, sondern aus Kunststoffabfällen. Das heißt, wir haben mindestens zwei Branchen im Auge, die Recycling­wirtschaft und die Wachs- und Paraffinbranche. Bis jetzt wird in Deutschland immer noch mehr als die Hälfte aller wiedergewonnenen Kunststoffabfälle in Müllverbrennungsanlagen verbrannt. – Aus unserer Sicht eine Verschwendung wertvoller Rohstoffe, da man mit Einsatz moderner Aufbereitungstechnik viele Kunststoffabfälle wieder einer werkstofflichen Nutzung zuführen kann. Das entspricht im übrigen auch den Forderungen der neuen EU-Abfallrichtlinie, die dem stofflichen Recycling die Priorität gegenüber einer thermischen Verwertung einräumt.

M.U.: Geht’s noch bißchen konkreter?

U.S.: Im Forum haben wir uns über solche Fragen ausgetauscht, warum im Wesentlichen nur Polyolefinkunststoffe Verwendung finden können, ob diese Kunststoff­abfälle langfristig verfügbar sein werden, wie sie aufbereitet werden müssen, wie die thermische Spaltung langkettiger Kohlen-Wasserstoff-Verbindungen in kürzerkettige technisch vonstatten gehen muß, welche Anforderungen an die Produkte und an den Herstellungsprozeß zu stellen sind, welche Möglichkeiten und Grenzen es bei der Verwendung der sogenannten Abbau­wachse gibt oder welche Grenzkosten aus betriebswirtschaftlicher Sicht bei der Herstellung zu berücksichtigen sind. Viel Raum hat im Forum der Einsatz der Wachse als preiswertes Wärme­speicher­medium oder als qualitätsverbessernder Zuschlag­stoff für Straßenbaubitumen eingenommen. Es hätte sicher noch Themen und Frage­stellungen für zwei weitere Tage gegeben.

M.U.: Wie muß man sich die neue Verwertungstechnologie zur Gewinnung von Wachsen und Paraffinen aus Kunststoffabfällen als Laie vorstellen? Wie weit sind Sie und Ihre Partner schon? Und: Wer sind überhaupt Ihre Partner?

U.S.: Vor über 10 Jahren gab es schon einmal eine große Versuchsanlage in Webau, auf deren Schultern wir uns quasi heute stellen können. In Webau hatte ein kleines Team unter Dr. Johann Utzig ein zweistufiges thermisches Abbauverfahren entwickelt, in dem aus schadstoffbelasteten Kunststoffkanistern, und später aus DSD-Folien, verschiedene Produkte gewonnen wurden: In der ersten Verfahrensstufe eine sogenannte Wachs­schmelze – wir nennen sie nach ihrem Erfinder „U-Wachs“. Der „Trick“ bestand darin, das geschredderte Material in einem Aufschmelzgefäß aufzuheizen und zu verflüssigen, bis kurz vor dem Crackpunkt, wo die Schmelze in einen gasförmigen Zustand übergehen würde. Nach dem Abkühlen dieser Schmelze erhält man ein wachsartiges Produkt, das sich durch eine mikrokristalline Struktur und – je nach Inputmaterial – einen hohen Schmelzpunkt von 120 – 156°C auszeichnet. Das sind Eigenschaften, die schon den Produkten aus der ersten Verarbeitungs­stufe gute Vermarktungsaussichten eröffnen, insbesondere für den Straßenbau und  – wie wir jetzt wissen – eben auch für Latent­wärmespeicher. In einer zweiten Verarbeitungsstufe, dem Cracken der Kunststoffe und gleich­zeitiger Destillation, kann man gezielt eine Vielzahl von marktgängigen flüssigen und festen Chemieprodukten, einschließlich Paraffine, herstellen – sofern man den Prozeß technisch beherrscht. Das alles wurde sehr gründlich im Innovations­forum aufgearbeitet, speziell auch die Gründe, woran Webau seinerzeit gescheitert ist.

Aus der Betreuung von mehreren ähnlichen Projekten zum thermischen Abbau von Kunststoffabfällen kann unser Steinbeis-Transferzentrum R.T.M. eine ganze Menge eigenes Know how bei der Neubelebung der damaligen Entwicklung einzubringen. Hier sind auf jeden Fall auch unsere Partner zu nennen, nach denen Sie gefragt haben: Zuallererst Herr Dr. Utzig, den wir als einen der profundesten Wachs- und Paraffinspezialisten aus dem Rentnerstand wieder reaktivieren konnten, und das Fraunhofer Institut IWM in Halle. Zusammen haben wir sehr schnell Ansätze für eine neue technologische Basis für die Wachsschmelze gefunden und mit ersten erfolgreichen Versuchen untermauern können. Nun gilt es, das Ganze systematisch zu entwickeln. Als Partner unterstützen uns die Wachsprofis von Romonta, der Wärmespeicherspezialist Rubitherm aus Berlin, das Team von Prof. Weingart von der FH Anhalt für die Bitumenanwendungen sowie als Spezialist für das Inputmaterial das Recyclingunternehmen Multiport aus Bernburg. Kooperationen gibt es natürlich noch darüber hinaus, so zur Uni Halle, zur FH Merseburg und vor allem zu unseren Mandanten, die schon Anlagen zur Verölung von Kunststoffabfällen gebaut haben. Auch potentielle Nutzer unserer Entwicklungen begleiten uns, wie die EVH oder die Fiba Energieservice GmbH aus Halle.

Alles in allem, wir haben mit dem Netzwerk eine gute Basis und hervorragende Aussichten, aber zunächst erst einmal viel Arbeit vor uns.

M.U.: Das letztgenannte nehme ich Ihnen durchaus ab. Aber wieviel Zweckoptimismus steckt in Ihrem Urteil im Hinblick auf die Aussichten des Netzwerkes? Bei vielen Netzwerk­projekten ist bekannt, daß es nach anfänglicher Euphorie dann doch schwer fällt, durch die Mühen der Ebenen zu kommen. So manchem Netzwerk wird auch vorgeworfen, daß es nur deshalb noch lebt, weil es entsprechende Förderprogramme gibt und einen „Wasserkopf“ hat, der sich zwar mit Hilfe des virtuellen Netzwerkes aus dem Förder­programm ernähren kann, inhaltlich außer ein paar selbstlegitimierenden Tagungen aber wenig bewegt.

U.S.: Ich hoffe, die Frage zielt nicht auf unser Steinbeis-Transferzentrum. Die Gefahr der Mitnahmeeffekte oder der bekannten Trittbrettfahrer haben Sie natürlich bei jedem Förderprogramm und bei fast jedem Netzwerk. Deshalb Förderprogramme und Netzwerke nicht a priori schlecht sein. Wichtig ist, daß sowohl Förderprogramm als auch Netzwerk echte Chancen bieten. Netzwerke vor allem dann, wenn sie von solchen Unternehmen getragen und voran getrieben werden, die mit Hilfe von Partnerschaften eigene Probleme lösen, neue Märkte erschließen und ihre Gewinne erhöhen wollen. Und dies nicht auf Kosten der Partner, sondern auf der Grundlage einer win-win-Philosophie, die alle im Netzwerk einschließt. Ein mitgeschleppter „Wasserkopf“, wie Sie es sagen, kann da in der Tat nur hinderlich sein.

Für das „netzwerk WACHSE“ schließe ich solche Fehlentwicklungen weitestgehend aus, und zwar aus drei Gründen: Erstens hat unser Netzwerk eine ganz konkrete Zielstellung, den Aufbau einer – möglichst regionalen – Wertschöpfungskette von der Recycling­wirtschaft über den Anlagenbau, die Wachs- und Paraffinherstellung bis hin zu der Veredlung und finalen Vermarktung der Produkte. Irgendwann, vielleicht schon im nächsten Jahr, muß hier eine Produktionsanlage zur Herstellung von Wachsschmelzen stehen! Das braucht schon Koordinierung und ggf. ein paar ergänzende Fördermittel, wie jedes Orchester einen Dirigenten benötigt (der im übrigen in Deutschland zumeist auch vom Staat bezuschußt wird). Kostentreibende Trittbrettfahrer ohne wirklichen Beitrag zu dieser Wert­schöpfungskette wären da schnell zu identifizieren. Zweitens haben wir von Beginn an nach der Devise gearbeitet, das Netzwerk so klein wie möglich und nur so groß wie nötig zu halten. Hier zählt nur Qualität! Deshalb hatte unser Forum eben auch nur 50 Teilnehmer und nicht mehrere hundert. Den dritten Grund für ein wirklich ergebnis­orientiertes Netzwerk will ich an einer für mich sehr wichtigen Beobachtung auf unserem Forum festmachen: Für unser Forum haben sich z.B. die Chefs der Forschungs­abteilungen zweier Weltmarktführer der Wachs- und Paraffinbranche sowie weitere honorige Fachleute, Professoren und Geschäftsführer ganze zwei Tage Zeit genommen. Leute also, deren wertvollstes Gut wahrscheinlich ihre Zeit ist. Wenn diese Koryphäen uns ihre Zeit so großzügig zur Verfügung stellen, dann haben sie auch die Erwartung an uns, daß wir wirklich etwas zu bieten haben, es sich mithin um eine sinnvolle Zeitinvestition handelt und daß das Netzwerk ein wirklich praktikables ist. Den am Forum beteiligten Unternehmen und Forschungs­ein­richtungen dieses Gefühl vermittelt zu haben, betrachte ich für mich persönlich als das wichtigste Ergebnis.

M.U.: Dr. Sauermann, gibt es aus Ihrer Sicht noch Lücken in Ihrem Netzwerk? Können Sie noch Verstärkung gebrauchen?

U.S.: Nur zum richtigen Verständnis, es ist nicht unser Netzwerk, auch wenn wir als Steinbeis R.T.M. die Initiative ergriffen haben und weiterhin gern die Koordination übernehmen. Das „netzwerk WACHSE“ wird von allen unseren Partnern getragen. Zu den Lücken: Es gibt in der Tat noch welche, zum jetzigen Zeitpunkt vor allem bei der Analytik. So suchen wir z.B. schon seit Wochen nach einem Anbieter, der uns von unseren Wachsproben die komplette Molmassenverteilung bei einer Arbeitstemperatur von 130°C bis C300.000 , wenigstens bis C100.000 ermitteln kann. Das scheint in der Chemieregion derzeit keiner mehr zu können, auch an unseren Hochschulen nicht, man mag’s kaum glauben. Vor 10 Jahren ging es jedenfalls noch. Für die später zu entwickelnde zweite Verfahrensstufe werden dann sicherlich noch weitere Partner benötigt, das läßt sich jetzt noch nicht genau überschauen. Wenn jemand unser Interview liest und glaubt, zu uns zu passen, möge er sich vertrauensvoll an uns wenden.

M.U.: Sagen Sie uns zum Schluß bitte noch die nächsten geplanten Schritte und wo man sich zusätzlich über das „netzwerk WACHSE“ informieren kann.

U.S.: Wir beabsichtigen, möglichst schnell eine produktionsreife Technikumsanlage zur Herstellung von Wachsschmelzen zu entwickeln und zu bauen. Damit können wir dann die notwenigen Versuchsreihen fahren, um zu ermitteln, bei welcher technischen Konfiguration und welchen Prozeßparametern welche Produkteigenschaften erreicht werden können, welche Qualitäten bei dem Recyclingmaterial erforderlich sind usw. Wir haben es zwar schon zu zwei Patentanmeldungen geschafft, aber auf dem Weg zur Produktionspraxis brauchen wir noch 1 – 2 Jahre. Parallel zur Entwicklung der Produktions­technologie wollen wir die hergestellten Proben schon für ihren Einsatz in Wärmespeichern bzw. im Straßenbau testen. Später, das können wir noch nicht genauer eingrenzen, geht es dann an die zweite Verarbeitungsstufe für die Kunststoffabfälle. Für alle Entwicklungen verhandeln wir mit den Partnern gerade die vertraglichen Grundlagen der Kooperation sowie die Arbeitspakete und wir erarbeiten Förderanträge. Noch nicht überall ist geklärt, wer die benötigten Eigenmittel - in der Regel 50% - bei den FuE-Kosten übernimmt. In ein paar Wochen wissen wir mehr, geben Sie uns noch etwas Zeit.

Die Kommunikationsplattform für das „netzwerk WACHSE“ ist, neben dem persönlichen Kontakt, die Internetseite www.netzwerk–wachse.de.

M.U.: Dr. Sauermann, vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg bei Ihrem Projekt!

Forum am 16. und 17. Juni 2010

Die Untersuchungen des Netzwerkes, die verschiedenen Grundlagen und auch die Probleme werden im eigentlichen Innovationsforum, einer Tagung, vorgestellt.Dazu sind alle Interessierten herzlich eingeladen. Wir werden in 2 Tagen die verschiedensten Aspekte des Themas beleuchten.

 

Bitte schauen Sie sich in den Rubriken Inhalt und Anmeldung um! Hier finden Sie auch einen detaillierten Tagesplan.

 

 

Zuletzt geändert am 23. August, 2011